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Es geht auch anders


Ein vernünftiges und abgeklärtes Verhältnis zum Islam kann sich für (nichtmuslimische) Europäer nur dann einstellen, wenn diese Gegenbildfunktion des Islams aufgegeben wird. Das erscheint schwer, ist aber nicht unmöglich. Tatsächlich gibt es eine Reihe von Vorbildern in Geschichte und Gegenwart, auf die man sich dabei besinnen könnte. Ich möchte nur drei aus der deutschen Geschichte nennen:



Friedrich II. von Hohenstaufen und Sultan al-Kamil


Friedrich II von Hohenstaufen war der Sohn des deutschen Kaisers Heinrich VI. und Konstanzes von Sizilien. Von 1220 bis zu seinem Tod war er römisch-deutscher Kaiser. Er hatte den Beinamen „stupor mundi“ - “Erstaunen der Welt” und wurde als der „erste moderne Mensch auf dem Thron“ bezeichnet. Er konnte nicht nur Deutsch, Italienisch, Französisch, Griechisch und Latein, sondern auch Arabisch. An seinem Hof arbeiteten muslimische Wissenschaftler, er führte mit muslimischen Philosophen einen Briefwechsel über Probleme der Ewigkeit und die Erschaffung der Welt. Die Kirche erwartete von ihm wie von wie von den anderen europäischen Herrschern, dass er zum Kreuzzug ins Heilige Land aufbrach. Das tat er dann auch, aber anstatt zu kämpfen, schloss er nach fünfmonatigen Verhandlungen einen Friedensvertrag mit Sultan al-Kamil, dem Neffen von Saladin. Von al-Kamil wurde er nach Jerusalem eingeladen. Von arabischen Berichterstattern wird überliefert, dass er, als der Muezzin aus Rücksicht auf Friedrich II. seinen morgendlichen Ruf zum Gebet nicht erschallen ließ, ihn mit den Worten zur Rede stellte: „Ich habe in Jerusalem übernachtet, um dem Gebetsruf der Muslime und ihrem Lob Gottes zu lauschen.“

Natürlich kann man Johann Wolfgang Goethe in diesem Zusammenhang nicht auslassen. Die Germanistin Katharina Mommsen,



“Wenn Islam Gott ergeben heißt,
Im Islam leben und sterben wir alle.”

West-Östlicher Divan


Autorin des maßgeblichen Buches über Goethes Verhältnis zum Islam, schreibt von ihm, „dass er eine ganz besondere innere Anteilnahme für die Religion der Muslime entwickelt hat und daß der Koran nach der Bibel die religiöse Urkunde gewesen ist, mit der er am vertrautesten war“. [8] Insbesondere während seiner Arbeit am West-Östlichen Divan beschäftigte er sich intensiv mit dem Islam und fand darin Werte und Tugenden, die ihn sehr ansprachen, vor allem Wohltätigkeit, Ergebung in Gottes Willen und Vertrauen in Vorsehung. Zu einem Gesprächspartner sagte er einmal: „Im Grunde liegt von diesem Glauben doch etwas in uns allen“. Aus dem West-Östlichen Divan stammt der Vers: “Wenn Islam Gott ergeben heißt,
Im Islam leben und sterben wir alle.” Goethe erkannte auch den tiefen Zusammenhang zwischen der islamischen und europäischen Kultur und fasste diese Einsicht in die Verse: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen, Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“

Obwohl Gotthold Ephraim Lessing Goethe zeitlich voraus ging, will ich dennoch mit ihm schließen, zum einen weil darin mein spezielles Interesse liegt (>> Lessing, der Islam und die Toleranz), zum anderen, weil die Beschäftigung mit seinem Werk, insbesondere „Nathan dem Weisen“ zeigt, dass aufklärerisches Denken und Islam kein Widerspruch sind. Das gilt insbesondere für die Forderung nach Toleranz. „Nathan der Weise“ ist sicherlich den meisten bekannt, weshalb ich nur auf eine zentrale Stelle eingehen will, die bekannte Ringparabel: Saladin stellt dem weisen Jude Nathan die Fangfrage, welche Religion die beste sei. Nathan antwortet mit einer Geschichte: Ein Mann besaß einen Ring, der die besondere Kraft hatte, „seinen Träger vor Gott und den Menschen angenehm zu machen.“ Dieser Ring wurde seit Generationen immer an den Sohn weitergegeben, den der Vater am liebsten hatte. Dieser Mann hat nun aber drei Söhne, die er alle gleich liebt - und damit ein Problem. Er lässt schliesslich zwei Imitationen anfertigen und gibt jedem seiner Söhne einen Ring. Nach dem Tod des Vaters bricht natürlich ein Streit aus, welcher Ring/welche Religion die echte ist. Dieser Streit bringt die drei Brüder vor einen Richter. Der gibt er den drei Brüdern folgenden Rat:

Es strebe jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott,
Zu Hülf! Und wenn sich dann der Steine Kraft
Bei euern Kindes- Kindeskindern äußern:
So lad' ich über tausend tausend Jahre,
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen,
Als ich; und sprechen.

Dieser Rat des Richters enthält gleich zwei Anspielungen auf den Koran. Das wurde lange nicht gesehen, denn die Lessing-Forschung ist ein weiteres Beispiel für den beschriebenen Verdrängungsmechanismus. Natürlich konnte man nicht übersehen, dass Lessing mit Saladin einen toleranten muslimischen Herrscher auf die Bühne gestellt hat, aber was lange nicht erkannt wurde, ist, dass mit der Kernaussage, die in der Ringparabel liegt, Lessing islamische Anregungen aufgenommen hat.

Es gibt eine zentrale Formulierung im Drama, die nicht nur im Rat des Richters auftaucht, sondern auch noch an anderer Stelle. Dies ist die Formulierung „Ergebenheit in Gott“. Man hat für diese Formel jüdische, christliche und andere Bezüge gefunden, aber es hat exakt 217 Jahre gebraucht, bis man entdeckt hat, dass „Ergebenheit in Gott“ nichts anderes ist, als die wörtliche Übersetzung des arabischen Wortes islâm. Erst 1996 hat Friedrich Niewöhner in einem Zeitungsartikel in der FAZ darauf aufmerksam gemacht. Auch für die Empfehlung, dass man anstatt über die Wahrheit zu streiten lieber gut handeln sollte, sowie für den Aspekt des Wettbewerbs im guten Handeln gibt es eine Parallele im Koran. Das ist der Vers 48 aus Sura Al-Maida (5):

Für jeden von euch haben Wir Richtlinien und eine Lebensweise bestimmt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Er wollte euch aber in alledem, was Er euch gegeben hat, auf die Probe stellen. Darum wetteifert um die gottgefällig guten Taten. Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren; und dann wird Er euch das kundtun, worüber ihr uneins waret.

Diese drei Persönlichkeiten sind Beispiele dafür, dass man nicht darauf angewiesen ist, sich von anderren abzugrenzen, um seine Identität zu finden, und nicht andere abwerten muss, um sich selbst aufzuwerten. Diese Haltung können sich Nichtmuslime wie Muslime zum Vorbild nehmen, denn die Konstruierung eines negativen Gegenbildes ist kein spezifisch europäisches, sondern ein menschliches Problem.

Noch eine Bemerkung zum Schluss: Der Hinweis darauf, dass Europa auch islamische Wurzeln hat, ist nicht so zu verstehen, dass dies der Grund sein sollte, aus dem die Muslime als gleichberechtigte Europäer anerkannt werden sollten. Die Muslime sollten in Europa anerkannt werden, weil sie in Europa leben, und nicht, weil sie in der Vergangenheit irgend etwas geleistet haben. Leistungen in der Vergangenheit zu einem Kriterium für Anerkennung zu machen, würde wieder zu einem Ausschluss führen - von Angehörigen anderer Religionen und Kulturen, bei denen kein so direkter Bezug zur europäischen Geschichte herzustellen ist.

Die Kenntnis dieser Tradition kann aber uns Muslimen helfen, uns nicht einreden zu lassen, dass der Islam in Europa etwas Fremdes sei. Sie sollte nicht Anlass sein, einen Stolz auf eine glorreiche Vergangenheit zu entwickeln, um Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren, die aus der Gegenwart entstehen. Das Wissen um diese Tradition sollte vielmehr zu der Einsicht führen, dass Kulturen immer plurale Ursprünge haben - was auch für die islamische Kultur gilt, die so vielfältige Einflüsse aufgenommen hat.



Literatur:

Horsch, Silvia: Rationalität und Toleranz. Lessings Auseinandersetzung mit dem Islam. Würzburg, Ergon-Verlag, 2004.

Menocal, Maria Rosa: The Arabic Role in Medieval Literary History. A forgotten Heritage. Philadelphia 1987.

Mommsen, Katharina: Goethe und der Islam. Mit einem Nachwort von Peter Anton von Arnim. Frankfurt, Insel 2001.

Rudolph, Ulrich: Islamische Philosophie. Von den Anfängen bis zur . Gegenwart. München, Beck 2004.

Unger, Andreas: Von Algebra bis Zucker. Arabische Wörter im Deutschen. Reclam 2007.

Watt, Montgomery: Der Einfluss des Islam auf das europäische Mittelalter. Berlin, Klaus Wagenbach 2002 (Original 1972).



Anmerkungen:

[1] Schätzung des Islamarchivs (Soest) von 2007 nach Angaben der Botschaften der europäischen Länder
[2] Frieder Otto Wolf: Ohne die islamische Philosophie hätte es weder Scholastik noch Aufklärung geben können, sammelpunkt.philo.at:8080/739/1/wolf_islam.pdf
[3] zu John Locke s. G.A: Russel: “The Impact of the Philosophus Autodidactus: Pocockes, John Locke and the Society of Friends”. In: The “Arabick” Interest of Natural -Philosophers in seventeenth century England. Hrsg. v. G.a. Russel, Leiden 1994, 224-265.
Zu Lessing s. Silvia Horsch: Rationalität und Toleranz. Lessings Auseinandersetzung mit dem Islam. Würzburg 2004, 44ff.
[4] Islam in Kathedralen - Bilder des Antichristen in der romanischen Skulptur, viadrina.euv-frankfurt-o.de/~lange/claudio/romanik.html
[5] Reinhard Schulze: Vom Antikommunismus zum Antiislamismus. Der Kuwait-Krieg als Fortschreibung des Ost-West-Konflikts. In: Peripherie, 41/1991, 5-12, hier 7.
[6] Denis Guénoun: Hypothèses sur l’Èurope. Un essai de philosophie. Belfort 2000, 62.
[7] Maria Rosa Menocal: The Arabic Role in Medieval Literary History. A forgotten Heritage, Pennsylvania 1987, ix. Ein anderes Beispiel aus der Literatur ist die Vernachlässigung der islamischen Einflüsse auf Dante`s Divina Commedia, siehe dazu: Ursprung und Wahrheit
Über die Einflüsse muslimischer Legenden in Dantes "Divina Commedia" von Ilija Trojanow und Ranjit Hoskoté, TAZ vom 15.11.2007.
[8] Katharina Mommsen: Goethe und der Islam. Mit einem Nachwort von Peter Anton von Arnim. Frankfurt, Insel 2001, 11.