Drucken

Das Jenseits bezeichnet das Leben nach dem diesseitigen Leben. Das Leben im Grab, die Auferstehung nach dem Tod, der Tag des Jüngsten Gerichts (Kiyâma), das Paradies (Dschanna) und die Hölle (Dschahannam) gehören zum jenseitigen Leben. Das Jenseits hat im Koran mehrere Synonyme, wie Auferstehung, Tag der Abrechnung, Begegnung mit Allah, Tag des Zeugnisses usw.

Das Jenseits (Âchira) kann nicht durch Experimente und Versuche nachgewiesen werden. Es ist eine Gegebenheit, die die fünf Sinne des Menschen übersteigt und von der er keine tiefere Erkenntnis hat, bis auf das, was uns Gott durch seine Propheten vermittelt hat. Darüber hinaus führt der Koran überzeugende Argumente bezüglich des Jenseits an. Allah, der Schöpfer eines unzählige Geschöpfe umfassenden komplexen Systems, verfügt ebenso über die Fähigkeit, dem Menschen nach dem Tod neues Leben einzuhauchen. Die Erschaffung des Menschen aus dem Nichts, der Wechsel zwischen den Jahreszeiten, das Entstehen von neuen Pflanzen durch bloße Samen und Körner und das Aufwachen des Menschen aus dem Schlaf, der dem Tod ähnelt, sind alles Beweise für die Gerechtigkeit Allahs und dass alles Existierende seinen Sinn und Zweck hat.


Der Koran schildert das Jenseits auf diese Weise: „Und wenn in die Posaune gestoßen wird, mit einem einzigen Stoß, und die Erde und die Berge emporgehoben und mit einem einzigen Schlag zerschmettert werden, an diesem Tage wird eintreffen, was eintreffen muss. Und der Himmel wird sich spalten; denn an diesem Tag wird er brüchig geworden sein. Und die Engel werden zu seinen Seiten sein; acht davon werden an diesem Tage den Thron deines Herrn über sich tragen. An diesem Tage werdet ihr vorgeführt werden. Nichts von euch Verborgenes wird verborgen bleiben. Was nun den anlangt, dem sein Buch in seine Rechte gegeben wird, so wird er sagen: ‚Nehmt nur! Lest mein Buch! Ich glaubte stets, das ich zur Rechenschaft gezogen würde.‘ Und er soll in Zufriedenheit leben, in einem hohen Garten, dessen Trauben zum Greifen nahe sind. ‚Esst und trinkt und lasst es euch wohl sein, in Anerkennung dessen, was ihr in vergangenen Tagen vorausgeschickt hattet!“


Und jene, deren Buch in seine Linke gegeben wird (der viel Schlechtes tat), wird sagen: „O dass mir doch mein Buch nicht gegeben worden wäre und ich nie gewusst hätte, wie es um meine Rechnungsauslegung steht! O hätte doch der Tod (endgültig) ein Ende mit mir gemacht! Mein Vermögen nützt mir nichts. Meine Macht ist dahin!“ ‚Nehmt ihn und fesselt ihn! Dann lasst ihn in der Hölle brennen! Dann legt ihn an eine Kette von siebzig Ellen Länge! Siehe, er glaubte nicht an Allah, den Gewaltigen und sorgte sich nicht um die Speisung des Armen. Darum hat er hier heute keinen Freund und keine Nahrung außer Eiter, die nur Sünder essen.“ (Sure Hâkka, [69:13-37])


In fast jeder Sure wird mit dem Glauben an Allah ebenfalls an das Jenseits und den Grund für die Erschaffung des Menschen erinnert. Der Verstand des Menschen, sein Vermögen zwischen Gutem und Schlechtem unterscheiden zu können und sein eigener Wille können ebenso als Beweis für die Existenz des Jenseits angeführt werden. Der Tod ist eine Tatsache. Der Tod ist so real wie das Leben. Es muss an dem Widerwillen des Menschen liegen, sich an den Tod zu erinnern, weswegen ihn der Koran immer wieder erwähnt.

Tatsächlich spiegelt sich der Glaube an das Jenseits in dem Verhalten des Menschen wider. Es muss einen Unterschied zwischen dem Verhalten eines Menschen geben, der an die Ablegung von Rechenschaft, an die Belohnung und Bestrafung im Jenseits und einem, der daran glaubt, dass alles mit dem Tod endet. Der Jenseitsglaube ist einer der Glaubensgrundlagen: „Doch die Ungläubigen werden in Scharen zur Hölle getrieben, bis, wenn sie dorthin gelangt sind, ihre Tore geöffnet werden und ihre Hüter zu ihnen sagen: ‚Kamen denn keine Gesandte aus eurer Mitte zu euch, die euch die Botschaft eures Herrn vortrugen und euch vor der Begegnung mit diesem eurem Tag warnten?‘ Sie werden sagen: ‚Jawohl.‘ Somit ist das Strafurteil gegen die Ungläubigen gerecht.“ (Sure Zumar, [39:71])

Der Koran, der auf der einen Seite von der Hölle spricht, um die Menschen zu ermahnen, gibt dem Menschen durch das Erzählen über das Paradies einen Anreiz, Gutes zu tun: „Darum wird Allah sie vor dem Übel dieses Tages bewahren und ihnen Licht und Freude gewähren. Und er wird sie für ihre Standhaftigkeit mit einem Garten und (Kleidern aus) Seide belohnen. Dort werden sie sich auf Ruhekissen lehnen und dort weder (brennende) Sonne noch schneidende Kälte erleben; Denn seine Schatten werden nahe über ihnen sein und seine Trauben niedrig über ihnen hängen. Und unter ihnen werden Gefäße aus Silber und Becher wie aus Kristall kreisen, aus Silberkristall, deren Maß sie selbst bemessen. Auch werden sie dort aus einem Becher trinken, gewürzt mit Ingwer, von einer dortigen Quelle, die „Salsabil“ heißt. Und bedienen werden sie ewig jung bleibende Bediensteten. Könntest du sie sehen, würdest du sie für verstreute Perlen halten. Und wo du dort auch hinsiehst, siehst du nur Wonne und ein großes Reich. Sie werden Kleider aus grüner Seide und aus Brokat tragen und mit silbernen Spangen geschmückt sein. Und ihr Herr wird ihnen einen reinen Trank reichen: „Seht, das ist euer Lohn! Euer Eifer hat seinen Dank gefunden!“

Der Jenseitsglaube ist dem Diesseits nichts völlig fremdes, nichts, woran zu glauben abwegig wäre. Denn es ist kaum vorstellbar, dass der Mensch ganz ohne Grund existiert. Die Überlegenheit des Menschen allen anderen Geschöpfen gegenüber ist augenscheinlich. So ist es nicht denkbar, dass ihm so viele Gaben anvertraut werden, ohne dass er dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Ja, der Schöpfer unterzieht sein Geschöpf einer Prüfung. Der Ort der Prüfung ist das Diesseits. Seine Fähigkeiten und Freiheiten geben ihm die Kraft, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Eben deshalb ist der Mensch verantwortlich für alles, was er tut und unterlässt. Es ist die Verantwortung seinen Schöpfer anzuerkennen, ihm dankbar zu sein und dem zu folgen, was die Propheten den Menschen brachten, um Freude am Dies- und Jenseits zu haben: „Meint ihr etwa, wir hätten euch zu Spiel und Zeitvertreib erschaffen und dass ihr nicht zu uns zurückkehren müsst?“ (Sure Mu’minûn, [23:115]) „Segensreich ist der, in dessen Hand die Herrschaft ist und der Macht hat über alle Dinge; der Tod und Leben schuf, um zu prüfen, wer von euch am besten handelt. Und er ist der Erhabene, der Verzeihende.“ (Sure Mulk, [67:1-2])

Diese Verantwortung und der Glaube an das Jenseits sind eng miteinander verbunden. Die menschliche Verantwortung, seine ihm gegebenen Freiheiten und die Möglichkeiten, über die er verfügt, gehören alle zusammen. Die Prüfung eines jeden ist entsprechend der ihm gegebenen Möglichkeiten. Jemand, der nicht über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügt, ist nicht für Gottesdienste (pl. Ibâdât) wie die Almosensteuer oder die Fitr-Abgabe verantwortlich. Jemand, der geistig eingeschränkt ist, trägt für gar nichts Verantwortung. Jemand, der körperlich eingeschränkt ist, ist von so mancher Verpflichtung befreit: „Es ist kein Vergehen für den Blinden und kein Vergehen für den Lahmen und kein Vergehen für den Kranken.“ (Sure Nûr, [24:61])


Im Jenseits wird der Mensch mit dem Ergebnis der diesseitigen Prüfung konfrontiert werden. Jede kleinste Wohltat und jede kleinste Bosheit wird vergolten werden. Dem Ende dieser Prüfung kann endlose Freude als auch endlose Bestrafung folgen.

Um dafür zur Rechenschaft gezogen werden zu können, muss der Mensch zunächst frei sein. Dies ist ein grundlegendes Prinzip, dass im Koran unterstrichen wird. Eines der Ziele des Islams ist die Freiheit des Menschen in der Religion und seinem Gewissen. Der Koran lädt die gesamte Menschheit zum Islam ein. Jedes Individuum ist frei in seiner Entscheidung: „Und wenn dein Herr es gewollt hätte, wären alle auf Erden allesamt gläubig geworden. Willst du etwa die Leute zwingen, gläubig zu werden?“ (Sure Yûnus, [10:99]) „Kein Zwang im Glauben! Klar ist nunmehr das Rechte vom Irrtum unterschieden. Wer die falschen Götter verwirft und an Allah glaubt, der hat den festesten Halt erfasst, der nicht reißen wird. Und Allah ist hörend und wissend.“ (Sure Bakara, [2:256])

Es kann also festgehalten werden, dass die Freiheit des Menschen, seine Verantwortung und der Glaube an das Jenseits nicht unabhängig voneinander sind. Dieser Glaube ordnet das diesseitige Leben des Menschen und beschert ihm ewige Gaben und Gnaden im Jenseits.


Quelle:igmg