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Ein wichtiger Aspekt des Geistes des Islam kommt darin zum Ausdruck, dass in den Reihen des gemeinschaftlichen Gebets alle gleich sind. Wenn der Regierungschef verspätet zum Gebet in der Moschee erscheint, betet er in der letzten Reihe. Wenn ein armer Muslim frühzeitig zum Gebet erscheint, betet er in der ersten Reihe. Jeder muss dort beten, wo er einen freien Platz findet. Uniformen und Epauletten nützen in der Moschee nichts. Dieses Konzept der Gleichheit tritt während der Pilgerfahrt noch viel deutlicher in Erscheinung. So wie jeder einmal mit weißen Leichentüchern begraben wird, tragen auch die Pilger alle das gleiche Gewand und die Unterschiede in der Kleidung verschwinden dabei völlig. Das Maß an Gleichheit, das während der Pilgerfahrt in Erscheinung tritt, ist einmalig und wird ansonsten nur noch nach dem Tode erreicht, wenn das Staatsoberhaupt genauso, in weiße Leichentücher gehüllt, beerdigt wird, wie der ärmste Bettler. In dieser Weise spiegeln die Pilger, mit je einem weißen Tuch um den Oberkörper und um die Hüften gewickelt, den Zustand der Verstorbenen in ihren Gräbern wieder.
Wir sollten uns bewusst sein, dass der Tod für alle Lebewesen eine unausweichliche Tatsache ist. Die Dauer unseres Lebens ist mit solch vollkommener Präzision bestimmt, dass selbst die Anzahl unserer Atemzüge abgezählt ist. Der Zeitpunkt des Todes (Ajal) eines jeden Menschen ist bestimmt und unveränderlich. Wir haben nie davon gehört, dass irgendjemand je dem Tod entronnen ist. Und da der Zeitpunkt unseres Todes uns verborgen ist, sollten wir die Pflicht der Pilgerfahrt auf keinen Fall unnötig aufschieben. Der Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – hat uns vor solchem Verhalten eindringlich gewarnt, als er sagte:
Wenn jemand stirbt, ohne die Pilgerfahrt vollführt zu haben, obwohl ihm die dazu notwendigen Dinge, wie Essen, Trinken und Transport, zur Verfügung standen, wird er den Tod eines Juden oder Christen sterben.“[1]
Diese Worte des Propheten – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – richten sich an all die achtlosen Muslime, die, obwohl sie dazu in der Lage wären, nicht dem Gebot Allahs folgen und die Pilgerfahrt verrichten. Sie sind eine ernstzunehmende Warnung vor der göttlichen Strafe, die ein solches Verhalten im Jenseits nach sich ziehen kann, denn Nachlässigkeit beim Erfüllen dieser Pflicht stellt eine klare Missachtung eines göttlichen Gebotes dar.
Die Hajj einmal im Leben zu vollführen ist Pflicht für jeden, der dazu in der Lage ist. Deshalb ist es ein schwerer Fehler, nicht auf die Pilgerfahrt zu gehen, obwohl es einem möglich ist und darum sagte Allahs Gesandter – auf ihm seien Segen und Friede:
Wer die Hajj zu verrichten hat, soll sich damit beeilen!“[2]
Das Haus Allahs ist voller Hinweise auf Ibrahim – Friede sei mit ihm – und Erinnerungen an das vollkommene Gottvertrauen und die Hingabe an Allah, die ihn und seine Angehörigen auszeichneten. Bei der Erwähnung von Worten wie Gottvertrauen, Hingabe und Pilgerfahrt kommen uns als erstes der Gedanke an Ibrahim und Ismâ´îl – mit ihnen sei der Friede Allahs – und ihre Namen ins Gedächtnis. Ihre Aufrichtigkeit bildete das Fundament, von dem aus die Pilgerfahrt zu einer Glaubenspflicht erhoben wurde, die bis zum letzten Tage dieser Welt bestehen wird.
Das Wort für Gottvertrauen im Arabischen, ‚Tawakkul’, bedeutet: ‚sich auf jemanden verlassen’; ‚volles Vertrauen haben’; ‚jemanden zum Sachwalter machen’; ‚mit der Vertretung beauftragen’. Im Sufismus bezeichnet es den Zustand desjenigen, dessen Herz vollkommen von Allah erfüllt ist, so dass er nur auf Ihn vertraut und nur bei Ihm Zuflucht sucht. Als Allah den Propheten Mûsâ – Friede sei mit ihm – bezüglich seines Stockes fragte, sagte dieser: „Dies ist mein Stock, ich stütze mich darauf...“
Da befahl ihm Allah: „Wirf ihn hin!
Denn sein Sich-Stützen auf den Stock überschattete sein vollkommenes Sich-Verlassen auf Allah, den Allmächtigen.
Und an mehreren Stellen sagt Allah ihm heiligen Qur’ân:
Und auf Allah sollen die Gläubigen vertrauen.“ (9:51; 14:11)
und: „Und wer auf Allah vertraut, für den ist Er genüge.“ (65:3)
Der Prophet – Allah segne ihn uns schenke ihm Frieden – sagte:
Wenn ihr völlig auf Allah vertrautet, würde Er euch versorgen so wie Er die Vögel versorgt, die morgens hungrig ihr Nest verlassen und abends gesättigt zurückkehren.“[3]
Gottvertrauen bedeutet jedoch nicht, das Notwendige zu unterlassen oder die Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung außer Acht zu lassen, sondern, nachdem man getan hat, was einem richtig und notwendig scheint, auf Allah zu vertrauen, anstatt sich allein auf die eigenen Handlungen und Mittel zu verlassen, ohne die Allmacht und den Willen Allahs zu berücksichtigen. Stattdessen sollte der Diener seine Zuflucht und Unterstützung stets bei Allah suchen.
Allah der Allmächtige sagt:
... und berate dich in der Sache mit ihnen und wenn du einen Entschluss gefasst hast, dann vertraue auf Allah! Wahrlich, Allah liebt diejenigen, die auf Ihn vertrauen.“ (3:159)
Allah ist der Helfer der Gläubigen in dieser Welt und im Jenseits. Wer ganz auf Ihn vertraut, für dessen Bedürfnisse sorgt Er voll und ganz. Wahre Freude und Glückseligkeit liegen, sowohl im persönlichen wie auch im gesellschaftlichen Bereich, in der Hinwendung zu Ihm, im Erbitten Seiner Hilfe und im Vertrauen auf Ihn.
Das von dem Verb ‚salima’ abgeleitete arabische Wort für Hingabe, ‚Taslimiyya’, drückt Unterwerfung und ein Unterstellen des Willens unter den übergeordneten Willen Allahs sowie ein bereitwilliges und freudiges Akzeptieren der Bestimmung Allahs aus.
Der Prophet Ibrahim – Friede sei auf ihm – hatte sein Herz mit der Liebe Allahs erfüllt. Als die Engel Allah fragten, wie denn Ibrahim ‚Khalîlullah’, der ‚enge Freund Allahs’, sein könne, wo er doch ein irdisches Leben, Besitz und eine Familie besäße, die ihn beschäftigten, demonstrierte Allah den Engeln Ibrahims vollkommene Hingabe, indem er ihn drei verschiedenen Prüfungen unterzog.
Die erste Prüfung betraf sein eigenes, irdisches Leben. Als er ins Feuer geworfen werden sollte und die Engel herbeieilten, um ihn zu retten, weigerte er sich, ihre Hilfe anzunehmen und sagte:
„Ich brauche eure Hilfe nicht! Wer ist es, der dem Feuer die Kraft zum Verbrennen gab? Allah ist der beste Helfer!“
Auf diese Weise suchte er seine Zuflucht ausschließlich bei Allah. Als Lohn für seine aufrichtige Hingabe an Allah befahl der Allmächtige:
O Feuer, sei Kühle und Frieden für Ibrahim!“ (21:69)
In der zweiten Prüfung wurde er bezüglich seines Besitzes geprüft. Der Engel Jibrîl erschien ihm in Gestalt eines Mannes und bat ihn dreimal im Namen Allahs um einen Teil seiner Herde. Ibrahim – Friede sei mit ihm – antwortete ihm:
„Nimm’ diese Tiere, sie gehören dir!“
So bestand er auch die Prüfung hinsichtlich der Aufgabe seines Besitzes um Allahs willen mit Erfolg.
Die dritte Prüfung schließlich, hinsichtlich seiner Familie, bestand in dem göttlichen Befehl, seinen Sohn zu opfern.
Wahre Dienerschaft gegenüber Allah besteht in nichts anderem als völliger Hingabe an Ihn. Doch die Basis echter Hingabe besteht in Liebe und Gehorsam. Das beste Beispiel solcher, auf Liebe beruhender, Hingabe finden wir in Ibrahim – auf ihm sei der Friede Allahs. Weder sein eigenes Leben, noch sein Besitz, noch seine Familie hinderten ihn daran, aus vollkommener Hingabe an Allah dessen Gebote und Befehle zu erfüllen. Als Lohn für seine Aufrichtigkeit werden bis zum Jüngsten Tag die Riten der Pilgerfahrt, die Symbole seiner Hingabe an Allah und seines Gottvertrauens sind, im ehrwürdigen Gedenken an ihn vollführt. Seine Zunge verlieh dem andauernden Zustand seines Herzens Ausdruck, indem sie ständig die Worte wiederholte:
Ich habe mich (ganz) dem Herrn der Welten ergeben!“ (2:131)
Zusätzlich zum Vorbild Ibrahims und Ismâ´îls – der Friede sei mit ihnen –, die beispiellose Opferbereitschaft und Hingabe an Allah demonstrierten, lehrte uns der Prophet Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – während seiner Abschiedspilgerfahrt die Grundlagen und Einzelheiten der Pilger-Riten. Im Besonderen seine Abschiedspredigt, die er bei dieser Gelegenheit hielt, enthält die Richtlinien für sämtliche Generationen von Pilgern bis zum Jüngsten Tag. In dieser Ansprache legte er die grundlegenden Rechte und Pflichten der Muslime dar und festigte ihre Reihen durch Liebe und Barmherzigkeit.
Diejenigen, die auf die Pilgerfahrt gehen, sollten sich darauf sowohl spirituell als auch materiell vorbereiten. Gottvertrauen bedeutet nicht, sich ohne Reisevorbereitungen zur Pilgerfahrt aufzumachen. Zur Zeit des Propheten – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – gingen einige der Jemeniten auf Hajj, ohne solch grundlegende Dinge wie Reiseproviant und Trinkwasser mitzunehmen. Sie sagten: „Wir vertrauen ganz auf Allah!“ Als sie dann Mekka erreichten, waren sie gezwungen, zu betteln, weil sie nichts zu essen hatten. Um vor einem derartigen falschen Verständnis von Gottvertrauen zu warnen, wurde der folgende Qur’ânvers offenbart:
Und sorgt für die Reise vor! Und wahrlich, die beste Vorsorge ist Gottesfurcht. Und fürchtet Mich, o die ihr Einsicht besitzt!“ (2:197)
Wie dieser Vers deutlich zeigt, braucht ein Gläubiger auf seiner Reise zu den Heiligen Stätten beide Arten von Versorgung. Er braucht materielle Versorgung, wie zum Beispiel ausreichend zu essen, und spirituelle Versorgung, wie Hingabe, Geduld und dergleichen. Nur derjenige, der sein Herz von jeglicher Krankheit befreit, wird dies wirklich erreichen können. Nur ein solches, gereinigtes Herz ermöglicht uns, die Wirklichkeit der Gottesdienste und insbesondere der Pilgerfahrt, in ihrem vollen Umfang zu erfassen, wie aus der folgenden Geschichte, die Rûmî überliefert, deutlich wird:
„Der Meister Abû Yazîd al-Bistâmî, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Muslime, war auf dem Weg zu den Heiligen Stätten, um die Hajj und die ´Umra (kleine Pilgerfahrt) zu verrichten. In jeder Stadt auf seinem Wege suchte er nach den rechtschaffenen Gottesdienern (Salihîn), indem er umherging und die Leute fragte:
‚Gibt es in dieser Stadt jemanden, der mit dem inneren, geistigen Auge (Basîra) sieht?’
Er tat dies in dem Verständnis, dass er, wo immer er hinkam, nach Heiligen suchen sollte, gemäß dem Befehl Allahs:
So fragt die Leute des Gedenkens (Dhikr), wenn ihr (etwas) nicht wisst!“ (21:7)
Dies war der Grund dafür, dass Allah dem Propheten Mûsâ befohlen hatte, Khidr – Friede sei mit ihnen beiden – aufzusuchen, der spirituelles Wissen besaß. Und ebenso suchte Abû Yazîd nach dem Khidr seiner Zeit. Eines Tages entdeckte er einen Scheikh von großer Statur, der mit der spirituellen Ausstrahlung eines Heiligen wie der neue Mond am Himmel leuchtete. Seine Augen waren der Welt gegenüber blind, doch sein Herz strahlte hell wie die Sonne am Firmament. Abû Yazîd setzte sich ihm gegenüber und der Scheikh fragte ihn:
‚O Du, wohin führt dich dein Weg? Wohin schleppst du dein Gepäck (deinen Körper)?’
Abû Yazîd antwortete:
‚Ich beabsichtige, die Hajj zu verrichten und habe dafür 200 Dirham bei mir.’
Da sagte der Scheikh zu ihm:
‚O Du, gib etwas von diesem Betrag weltlichen Besitzes auf dem Wege Allahs den Armen und Bedürftigen! Geh’ ein in ihre Herzen, dann werden sich dir die Horizonte der Seele eröffnen! Erwirb ewiges Leben! Vollführe zuerst die Pilgerfahrt der Seele, dann reise weiter mit geläutertem Herzen!
Denn die Ka´ba ist das Haus Allahs, dass zu besuchen Er zur Pflicht gemacht hat, doch das Herz des Menschen ist eine Schatzkammer voller Geheimnisse...
Die Ka´ba ist das Gebäude, das Ibrahim, der Sohn des Âzar, errichtet hat, das Herz hingegen ist der Ort, auf dem die Blicke Allahs, des Majestätischen und Größten ruhen.
Wenn du mit dem inneren, geistigen Auge siehst, umrunde die Ka´ba des Herzens! Das Herz ist die Ka´ba des Körpers, der aus Lehm erschaffen ist. Allah hat uns befohlen, die äußerlich sichtbare, an ihrer Form zu erkennende, Ka´ba zu umrunden, um zur inneren Ka´ba des von allem Unreinen geläuterten Herzens zu gelangen...
Wisse, dass du, selbst wenn du zu Fuß die gesamte Pilgerfahrt verrichtest, damit nicht die Sünde wieder gutmachen kannst, ein Herz, auf welchem die göttlichen Blicke ruhen, zu brechen...
Der vervollkommnete Mensch ist eine Schatzkammer des Allmächtigen.
Wenn du die Erscheinungen des göttlichen Lichtes sehen willst, darfst du dich nicht den Prüfungen entziehen, die nötig sind, um dein inneres, geistiges Auge zu öffnen!’“
Abû Yazîd nahm sich die kostbaren Ratschläge des Scheikhs zu Herzen. Sein Inneres war durch diese weisen Worte von göttlicher Gnade und Barmherzigkeit erfüllt und nun konnte er seine Pilgerfahrt in einem Zustand inneren Friedens fortsetzen.
Durch diese Art schöner Beispiele führt Rûmî die Herzen zur Wirklichkeit der Pilgerfahrt und wendet sich an die, die beabsichtigen, die Hajj zu vollführen:
„Wenn die Zeit der Pilgerfahrt gekommen ist, geh’ hin in der reinen Absicht, die Ka´ba zu besuchen und zu umrunden! Wenn du mit dieser Absicht gehst, wirst du die Wirklichkeit Mekkas seh’n.“
Rûmî wählt das Beispiel der Pilgerfahrt aus, weil sie eine besonders subtile Form des Gottesdienstes darstellt. Viele der Dinge, die ansonsten erlaubt sind, gelten während der Pilgerfahrt als verboten. Deshalb sollte der Pilger sich zuerst in seinem Herzen auf diese schwierige Pflicht vorbereiten. Vom ersten Augenblick, in dem jemand beabsichtigt, die Pilgerfahrt zu vollführen, versucht Schaytân mit allen Mitteln, deren Wert zunichte zu machen. Die Reise zur Pilgerfahrt scheint leicht und voller Freuden, doch in Wirklichkeit ist sie voller Schwierigkeiten. Das Gleiche gilt für die verschiedenen Riten der Pilgerfahrt, weshalb der Pilger sich mit viel Geduld und Ausdauer im Ertragen von Ungemach wappnen muss. Auf seinen Lippen sollte deshalb stets die Bitte sein: „O Allah, o mein Herr, mach es mir leicht!“

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[1] Tirmidhî, Hajj, 3
[2] Jam´ al-Fawâ’id, II, 77
[3] Tirmidhî, Zuhd, 33



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