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Geschichtliche Entwicklung:

Die Musik im Islam kann man in vier Anwendungsbereiche unterteilen:

1.) Musik im religiös- zeremoniellen Kontext


Im Islam nimmt Musik im zeremoniellen Kontext in Form von Gesang an zwei entscheidenden Stellen eine große Bedeutung ein, die beide auf die Zeit der Einsetzung der Religion, der Lebzeit des Propheten Mohammed (asa) zurückgehen. Zum ersten in der Rezitation der islamischen Offenbarung, des aus islamischer Sicht manifestierten Wort Gottes, des heiligen Koran, von dem empfohlen wird, ihn singend vorzutragen, was eine eigene universitär - theologische Wissenschaft der Koran (Gesangs-) Rezitation hervorgebracht hat. Zum zweiten im Aufruf zum täglichen Pflichtgebet mittels Gesang, dem wörtlich genau festgelegten Azan. Sollen nach islamischen Regeln die Moscheen so gebaut werden, das jedes Haus in Hörweite des Gebetsrufers, des Muezzin liegt, so ergibt sich für Besucher einer Stadt mit islamischer Bevölkerung fünfmal am Tag das Erlebnis der akustischen Gesangswolke, welche die Stadt zum Gebetsaufruf, von den zahlreichen Minaretten erklingend, einzuhüllen scheint.

2.) Musik der Mystiker
Wie in anderen Religionen auch, gilt für die islamischen Gottessucher, die Sufis, Musik als ein Königsweg zu Gottesgedenken und Gotteserkenntnis. In dieser Funktion spielt Musik sowohl als Medium zur Verbreitung religiöser Texte und Botschaften, als auch zur Unterstützung und Basis bei der sehr oft stark körperbezogenen Meditation Dhikr (Gottesgedenken) in Verbindung mit Atem und Tanz (Sema), eine große, bei manchen Traditionen sogar eine entscheidende Rolle. Hier reicht das Spektrum von rhythmuslosen Gesängen ohne Instrumentalbegleitung bis zu ekstatischen, tranceinduzierenden Musikrichtungen mit den verschiedensten Instrumenten und Trommeln. Diese Anwendungen der Musik lassen sich nach den Überlieferungen der Sufitraditionen bis zur Lebzeit des Propheten Mohammed (asa) zurückverfolgen.

3.) Kunst- und Volksmusik
Der Islam ist an sich keine Religion einer Ethnie, deswegen kann man auch nicht von der islamischen Musik sprechen. Gerade die Volksmusik der mehrheitlich islamischen Bevölkerungen sind so unterschiedlich, wie diese Völker selbst. Der historisch islamisch geprägte Kulturraum reicht von Indonesien bis Westafrika, von Südarabien bis Spanien, Bosnien, China und dem Baltikum. Entsprechend vielfältig ist die Volksfrömmigkeit dieses Raumes, was sich in der Volksmusik widerspiegelt und in der jeweiligen Kultur entsprechende Lieder religiösen Inhalts, oft bezogen auf Anlässe wie Hochzeiten oder der islamischen (männlichen) Beschneidung etc. hervorgebracht hat.
Fließend verlaufen die Grenzen zur Kunstmusik, die vor allem an den Herrscherhöfen gespielt und gepflegt wurde. Diese meist auf künstlerisch höchstem Niveau gepflegte Musik hat für mitteleuropäisch geschulte Ohren nicht erkennbar feine Nuancen in der Melodie und Tonartenführung, als auch äußerst komplexe Rhytmusstrukturen hervorgebracht. Der generelle Anspruch dieser Musik, erbaulich für die Zuhörer zu sein, hat den Typus des umfangreich gebildeten Hofmusikers hervorgebracht, der seine Musik für die Zuhörer zu einer Art seelischen Gesamtkunstwerk werden ließ, nicht zuletzt deswegen, weil die Konvente der Sufis in manchen Regionen die entscheidenden Ausbildungsstätten der Musiker waren, und sehr viele Hofmusiker gehörten entsprechenden Bruder- oder Schwesternschaften an. Die Weiterführung dieser Musiktraditionen sind die sogenannten klassischen Musiken der modernen Länder wie Iran, Türkei etc.

4.) Musik zur Behandlung von Kranken
In der Zeit der klassischen islamischen Hochkultur war die islamisch geprägte Welt ein multikultureller Schmelztiegel der unterschiedlichsten Völker, die zum Teil selbst wieder auf eine bereits reiche historische und kulturelle Geschichte zurückschauen konnten. So legte die in der damaligen für Fremdes und Neues sehr offene Dynamik entstandenen Entwicklungen die Grundlagen für die Renaissance, die europäische Aufklärung, und die heutigen modernen Wissenschaften. Auch die Musik wurde im Rahmen der Entwicklung der Medizin, mittels Übersetzung und Evaluierung der antiken medizinischen Schriften von Galen, Hypokrates u.A. zur Behandlung der Kranken in den eigens dafür errichteten Spitälern, die später zu den Vorbildern für die europäischen Spitäler werden sollten, mit einbezogen. Musiker, aus heutiger Sicht „Musiktherapeuten“, kamen regelmäßig in die Spitäler, um die Kranken nach genau festgelegten Modi Makamen und mit entsprechenden Instrumenten, wie in den entsprechenden Lehrbüchern dargelegt wurde, zu behandeln. Diese Musiker waren, wie auch die Hofmusiker, oftmals in Verbindung mit den Sufikonventen, was eine gewisse Parallele zu den christlichen Klöstern Mittel- und Westeuropas aufzeigt, die auch zentrale Orte der Wissenschaft, Kulturpflege und Krankenbehandlung waren.

Heutiger Stand:
Die wesentlichen Zeremonien der islamischen Glaubenspraxis blieben im großen und ganzen seit deren Einsetzung gleich, so haben sich auch Koranrezitation und Gebetsaufruf als überlieferte musikalische Anwendungen nicht wesentlich verändert. Ein wenig in Vergessenheit geraten ist die Anwendung bestimmter Modi Makamen zum fünfmaligen Gebetsaufruf, bei denen früher die zugeschriebene Wirkung der einzelnen Makamen entsprechend der Tageszeit berücksichtigt wurde.
Die Sufigemeinschaften pflegen ihr überliefertes Musikrepertoire nach wie vor in der praktischen Anwendung desselben, wobei es durch neue Inspirationen und Kompositionen, die auch hier die „Globalisierung“ der Welt widerspiegeln, ständig im Wachsen begriffen ist.
Gleiches kann auch für die Nachfolger der Hofmusiktraditionen, den nationalen klassischen Musikstilen, behauptet werden, die sich auch mit Pop und Volksmusikelementen vermischen und die Grenzen oft verwischen. Nicht zu vergessen ist, dass in der heutigen Welt Muslime vielerorts größere Bevölkerungsgruppen bilden, und diese, entsprechend ihrer kulturellen Umgebung, neue Musiken, auch islamischen Inhaltes hervorbringen. Kurz erwähnt sei eine der heute populärsten Musiken überhaupt, der Blues, der die Basis jeder Jazz, Pop und Rockmusik und damit wohl die „universale“ Volksmusik unserer Zeit ist. Der islamische Einfluss auf ihn wird von manchen Musikwissenschaftern sehr hoch eingeschätzt, waren doch eine große Zahl der nach Amerika verschleppten Westafrikaner muslimischen Glaubens, die ihre Musiktraditionen, auch nach erfolgter Zwangschristianisierung, weitergeführt haben, woraus die Gospels, der Vorläufer des Blues entstand. Dessen momentan „jüngster“ Nachfolger, der Rap, wird gerade wieder von muslimischen Jugendlichen als sehr persönliches Ausdrucksmittel, durchaus auch mit religiösem Inhalt, verwendet.
Die Musiktherapiemethode islamischen Ursprungs wird heute, neu belebt, unter der Bezeichnung "Altorientalische Musiktherapie", auf der Wiederentdeckung von Oruc Güvenc basierend, angewandt. Altorientalische Musiktherapeuten arbeiten in den verschiedensten Institutionen und Bereichen mit anerkanntem Erfolg. Unabhängig ihrer Religion erlernen heute Menschen wieder diese aus dem islamischen Verständnis entstandene Musiktherapiemethode zum Wohle der, ebenfalls religionsunabhängig damit behandelten, Klienten.

Transfer von Musik und Instrumenten:
Die islamisch und die nicht-islamisch geprägte Welt, besonders betreffend der christlich geprägten Gebiete, waren nie absolute Gegensätze und Feinde, im Gegenteil, Islamisch und christlich - jüdisch beeinflusste Territorien bestanden bis zur Zeit der Kreuzzüge, aber auch noch danach nebeneinander und ineinander wobei sie sich gegenseitig beeinflussten. Wie auf anderen Ebenen spiegelte sich dies auch in der Musik wider. Für Mitteleuropa am interessantesten sind vielleicht die Verbindung über die Instrumente, wo besonders die Ud, die arabische Laute, als Vorläuferin der Gitarre, als auch die Rhebab, eine Kniespießgeige, als Vorläuferin der Violine zu erwähnen ist. Aber auch das Klavier hat in Form des Kanun und der Cenk, wie auch noch andere heutige Instrumente, seine Vorfahren im historisch islamisch geprägten Kulturraum.
Aber auch Musikformen haben sich gegenseitig inspiriert. Am bekanntesten sind hier wohl die „Türkischen Märsche“ in den diversen Werken der Wiener Klassiker und Romantiker, wie Beethoven, Mozart etc., als auch den damals sehr populären „Türkenopern“ („Entführung aus dem Serail“). Auch die in unseren Breitengraden allseits beliebte Blasmusik hat entscheidende Wurzeln bei den Janitscharen, den islamischen Elitesoldaten der Osmanen. Früher noch entstanden unter dem Einfluss arabischer Liebeslieder die ersten Serenaden in Spanien und damit die erste neuzeitliche europäische Kunstmusik, und noch früher gelangte die Troubadurtraditon der Asik nach Mitteleuropa und beeinflusste entscheidend die Minnesangkultur Europas. Aber auch in die andere Richtung ging die Beeinflussung, so war einer der ersten osmanischen Musiker der seine Werk notierte, der den Isalm angenommen habende Pole Ali Ufki, der, inspiriert von der deutschen Psalmtradition von Bach u.A., dieselben, teilweise Ton für Ton, in die islamische osmanische religiöse Musik übertrug und insgesamt alle Psalmen vertonte. Es lassen sich noch zahlreiche Beispiele für diese kulturellen Verbindungen anführen, die alle zeigen, dass zwar Krieg und Schlachten die Geschichtsbücher bestimmen, das Leben der Menschen aber nie unabhängig ohne den anderen möglich war und ist, auch wenn es sich um Nachbarn mit einer anderen Religion handelt. Vielleicht ist gerade die Musik, welche die Menschen berührt, die von gläubigen Menschen auch als Gottesgeschenk, oder von anderen als universelle Sprache bezeichnet wird, ein Medium, in dem das besonders gut sicht- und hörbar wird.

Von : Gernot Galib Stanfel
www.stanfel.gnx.at

Quelle: http://www.derislam.at